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Bildungsgutschein und KI-Kurs

Nach dem KI-Kurs: die ersten 90 Tage

· 9 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Schreibtisch mit Laptop, Notizbuch und Kaffeetasse, Sonnenlicht fällt von links auf einen offenen Kalender

Die ersten 90 Tage nach einem KI-Kurs entscheiden mehr als die vier Monate davor. Wer hier planlos startet, verliert Momentum und landet oft in der zweiten Bewerbungsrunde im Herbst. Wer einen klaren Phasenplan hat, bekommt Einladungen zu Gesprächen meistens zwischen Woche sechs und zwölf nach Kursende.

Dieser Beitrag zeigt dir, was in den drei Phasen wirklich zählt: Portfolio finalisieren, aktiv bewerben, Gespräche führen. Ohne Garantieversprechen, aber mit einem Plan, der in der Praxis funktioniert.

Wie sieht die erste Phase (Tage 1 bis 30) aus?

Die erste Phase ist Aufräumen und Aufstellen. Du bist frisch aus dem Kurs, das Wissen ist noch warm, aber noch nicht verdichtet zu etwas, das Arbeitgeber sehen können.

Drei Baustellen parallel: Portfolio sauber machen, LinkedIn-Profil auf den neuen Stand bringen, Bewerbungsstrategie skizzieren. Keine davon ist optional.

Portfolio finalisieren. Während des Kurses hast du vermutlich drei bis fünf Projekte gebaut. Prompt-Engineering-Sammlung, einen Automatisierungs-Workflow, vielleicht ein Chatbot-Experiment, ein Daten-Dashboard. Diese Projekte liegen meistens verteilt auf deinem Rechner, halb dokumentiert, mit Screenshots von mittlerer Qualität. In den ersten zwei Wochen machst du daraus eine saubere Portfolio-Seite. Jedes Projekt bekommt eine kurze Beschreibung: Was war die Aufgabe, was hast du gebaut, was hast du gelernt. Drei Absätze reichen. Ein gutes Format ist eine einfache Notion-Seite, ein GitHub-Repository mit Readme, oder eine kleine Webseite. Form ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass ein Personaler in zwei Minuten sehen kann, was du gemacht hast.

Mehr zum Portfolio-Aufbau steht im Beitrag KI-Kurs Praxisprojekte: worauf es ankommt.

LinkedIn aufräumen. Dein Profil stammt wahrscheinlich aus der Zeit vor dem Kurs. Titel, Zusammenfassung, Skills, alles muss neu. Neuer Jobtitel im Header, zum Beispiel “Digitalisierungsmanager (in Jobsuche)” oder “KI-Manager im Übergang”. Zusammenfassung in drei Absätzen: Was bringst du mit, was hast du gelernt, was suchst du. Skills ergänzen: Prompt Engineering, n8n, ChatGPT API, Python-Grundlagen, was du eben wirklich gemacht hast. Keine Übertreibung. Personaler googlen Profile und glichen sie mit Lebensläufen ab. Wer dort “Senior ML Engineer” stehen hat und im Kurs vier Monate Grundlagen gelernt hat, fliegt sofort raus.

Bewerbungsstrategie skizzieren. Nicht jeder Job passt. In Woche drei und vier setzt du dich hin und schreibst auf: Welche drei bis fünf Rollen kommen für dich in Frage. Was sind deine räumlichen Einschränkungen. Wie viel willst du mindestens verdienen. Welche Branchen interessieren dich. Diese Vorarbeit spart dir später hundert Stunden an unsinnigen Bewerbungen.

Was passiert in Phase zwei (Tage 31 bis 60)?

Jetzt geht es raus. Aktive Bewerbungen, Netzwerk aktivieren, erste Gespräche anbahnen.

Bewerbungen schreiben, aber gezielt. Eine gute Faustregel: Zehn bis fünfzehn gezielte Bewerbungen pro Woche sind mehr wert als fünfzig Schrotschuss-Bewerbungen. Gezielt heißt: Du liest die Ausschreibung wirklich, passt den Lebenslauf an die Schwerpunkte an, schreibst ein kurzes Anschreiben, das auf konkrete Punkte aus der Anzeige eingeht. Keine Textbausteine, keine “sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich”. Anschreiben ist kein Pflichtaufsatz, es ist ein Verkaufsgespräch auf einer Seite.

Welche Jobtitel passen nach dem KI-Kurs, steht im Beitrag KI-Kurs Jobgarantie: was realistisch ist.

Netzwerk aktivieren. Die Hälfte aller Stellen wird nie ausgeschrieben. Wer sein Netzwerk nicht aktiviert, bewirbt sich also nur auf die eine Hälfte, die öffentlich ist. Netzwerk aktivieren heißt nicht: überall nerven. Es heißt: 20 bis 30 Personen aus deinem bestehenden Umfeld anschreiben, denen du sagst, was du gelernt hast und was du suchst. Ehemalige Kollegen, Studienfreunde, Verwandte. Die Nachricht ist kurz, konkret, ohne Druck: “Ich habe gerade meinen KI-Kurs beendet, suche jetzt eine Stelle als XY, falls du jemanden kennst, freue ich mich über einen Tipp.” Das reicht. Wer mehr schreibt, wirkt bedürftig.

Erste Mini-Projekte annehmen. Wenn du in Phase zwei noch keinen Job hast, ist das kein Grund zur Panik. Es ist aber ein guter Zeitpunkt, ein bezahltes oder unbezahltes Mini-Projekt anzunehmen. Ein befreundetes Unternehmen hat ein Problem mit einem Prozess, du baust eine Automatisierung. Das gibt dir Substanz im Gespräch und ein weiteres Portfolio-Stück. Entscheidend: Dokumentieren. Keine Projekte mehr ohne Screenshot, ohne Readme, ohne Vorher-Nachher.

In meinen Beratungsgesprächen sehe ich regelmäßig, dass genau dieser Schritt den Unterschied macht. Wer in Phase zwei ein kleines reales Projekt abliefert, tut sich in Phase drei signifikant leichter. Wer nur theoretisch bleibt, verbrennt Zeit in endlosen Bewerbungen ohne Traktion.

Was kommt in Phase drei (Tage 61 bis 90)?

Vorstellungsgespräche. Verhandlung. Die Entscheidung für die erste Stelle.

Wenn Phase eins und zwei ordentlich gelaufen sind, hast du jetzt drei bis sieben aktive Gesprächsfäden. Einige davon sind in der zweiten oder dritten Runde. Einige sind noch Erstgespräche. Manche Einladungen kommen erst in Woche zehn oder elf, weil Unternehmen langsamer reagieren als du hoffst. Das ist normal.

Vorstellungsgespräche vorbereiten. Drei Fragen bereitest du systematisch vor: Warum wollen Sie zu uns. Was haben Sie bisher gemacht. Warum sollten wir Sie einstellen. Für jede Frage zwei Antwortvarianten, an echten Beispielen aus deinem Portfolio. Bei technischen Rollen kommen oft Take-Home-Aufgaben oder Probearbeits-Projekte. Rechne mit vier bis zehn Stunden pro Aufgabe. Mach sie ernsthaft, aber setz dir ein Zeitbudget. Wer zwanzig Stunden in eine Take-Home investiert und dann abgelehnt wird, ist demotiviert für die nächsten drei Wochen.

Gehalts- und Vertragsverhandlung. Die realistische Spanne für Einsteiger im Digitalisierungs- und KI-Bereich liegt je nach Region und Arbeitgeber zwischen rund 50.000 und 65.000 Euro brutto im Jahr. In Großstädten und Konzernen eher am oberen Ende, bei KMU und in ländlichen Regionen eher am unteren. Wer direkt aus dem KI-Kurs kommt, ohne vorhergehende IT-Erfahrung, verhandelt meist am unteren Ende der Spanne. Mit technischer Vorerfahrung oder einem starken Portfolio verschiebt sich das. Die konkrete Zahl steht bei der Bundesagentur für Arbeit im Entgeltatlas{target=“_blank” rel=“noopener”}.

Verhandeln heißt nicht: frech auftreten. Es heißt: die angebotene Zahl kurz spiegeln, eine konkrete Gegenzahl nennen, einen Satz Begründung. “Ich hatte mir etwa 55.000 vorgestellt, angesichts meiner Portfolio-Projekte im Bereich Prozessautomatisierung.” Mehr nicht. Wer lange argumentiert, untergräbt seine Position.

Die Entscheidung. Wenn du zwei oder drei Angebote hast, musst du dich entscheiden. Das fühlt sich oft schwerer an als die Bewerbung selbst. Meine Erfahrung aus Beratungsgesprächen: Die meisten wählen zu defensiv. Sie nehmen den sicheren, langweiligen Job statt des anspruchsvolleren, weil sie sich ihr frisches Wissen noch nicht zutrauen. Das rächt sich nach zwei Jahren. Der erste Job nach einem KI-Kurs sollte dich fordern, nicht unterfordern. Ein bisschen Angst am ersten Tag ist ein gutes Zeichen.

Was wenn nach 90 Tagen kein Job kommt?

Kommt vor. Das ist kein Versagen, sondern oft Marktrhythmus. Sommer- und Weihnachtsperiode sind Einstellungs-Täler. Wer im Juli fertig wird, landet manchmal erst im September in ernsthaften Gesprächen.

Was du in dem Fall tust: ehrlich analysieren. Wie viele Bewerbungen? Wie viele Einladungen? Wie viele Gespräche? Wenn du zweihundert Bewerbungen geschrieben hast und null Einladungen bekommen hast, stimmt etwas mit den Unterlagen oder der Zielrichtung nicht. Wenn du zehn Gespräche hattest und alle sind in Runde zwei oder drei gescheitert, stimmt etwas mit der Gesprächsführung. Unterschiedliche Probleme, unterschiedliche Lösungen.

Eine konkrete Vermittlung in einen Job kann kein Kursanbieter garantieren. Wer anderes verspricht, lügt. Was realistisch ist: Die Wahrscheinlichkeit auf einen Einstieg im Digitalisierungs- und KI-Umfeld ist nach einem 720-UE-Kurs mit Portfolio deutlich höher als ohne. Wie hoch genau, hängt von deiner Vorgeschichte, deiner Region und deiner Eigeninitiative ab. Die Bundesagentur veröffentlicht dazu im Fachkräftemonitoring{target=“_blank” rel=“noopener”} regelmäßig aktuelle Bedarfsdaten. Stand 2026 sind im Bereich Digitalisierung und KI über 100.000 Stellen offen.

Wenn du überlegst, ob ein Vollzeit- oder berufsbegleitender Kurs besser für deinen Einstieg passt, schau dir den Beitrag Vollzeit-Kurse: wann sie sich lohnen an.

Ein Beispiel-Phasenplan in der Übersicht

PhaseWochenHauptaufgabeKonkrete Ergebnisse
Phase 1Wochen 1 bis 4Portfolio, LinkedIn, StrategieSaubere Portfolio-Seite, aktuelles LinkedIn, 3 bis 5 Zielrollen definiert
Phase 2Wochen 5 bis 8Aktive Bewerbung, Netzwerk40 bis 60 gezielte Bewerbungen, 20 bis 30 Netzwerk-Kontakte, ggf. 1 Mini-Projekt
Phase 3Wochen 9 bis 13Gespräche, Verhandlung3 bis 7 Gesprächsfäden, 1 bis 3 Angebote, Entscheidung

Der Plan ist nicht starr. Manche haben schon in Woche sechs den ersten ernsthaften Kontakt. Andere brauchen bis Woche zwölf, bis die erste Einladung kommt. Als grobe Orientierung taugt er trotzdem.

Häufige Fragen

Wann sollte ich mit den Bewerbungen starten? In den letzten zwei Wochen des Kurses ist ein guter Zeitpunkt. Dann ist dein Kopf noch voll, das Portfolio steht in Grundzügen, und du hast den frischesten Stand. Nach Kursende warten die meisten zu lange und verlieren zwei bis drei Wochen Momentum.
Muss ich mich auch arbeitslos melden, wenn ich direkt nach dem Kurs suche? Wenn du bereits vor dem Kurs arbeitssuchend gemeldet warst, läuft das in der Regel weiter. Wichtig ist die pünktliche Rückmeldung beim Vermittler, sobald der Kurs endet. Das konkrete Vorgehen klärst du mit deinem Sachbearbeiter. Die [Bundesagentur für Arbeit](https://www.arbeitsagentur.de){target="_blank" rel="noopener"} hat dazu klare Zuständigkeiten.
Wie gehe ich damit um, wenn die ersten Absagen kommen? Absagen sind normal. Die Quote zwischen Bewerbung und Einladung liegt oft bei 1 zu 10 oder niedriger. Wichtig ist, nicht die eigene Identität an eine einzelne Absage zu hängen. Was du tust: die Absage kurz ansehen, schauen ob es eine konkrete Rückmeldung gibt, und weitermachen. Absagen ohne Feedback sagen nichts über dich aus.
Soll ich mich schon während des Kurses bewerben? In den letzten vier Wochen ja, vorher eher nein. Zu frühe Bewerbungen führen zu Einladungen, in denen du dein Portfolio noch nicht zeigen kannst. Das wirkt halbfertig. Die Ausnahme: Wenn ein sehr passender Traumjob ausgeschrieben ist, bewirb dich sofort, mit dem Hinweis auf den laufenden Kurs und dem voraussichtlichen Abschluss.
Wie lang sollte ich auf eine Einladung warten? Wenn nach drei Wochen keine Reaktion kommt, kannst du einmal freundlich nachhaken. Ein kurzer Satz, Bezug auf die Bewerbung, Frage nach dem aktuellen Stand. Nach einer zweiten Woche ohne Reaktion ist die Bewerbung praktisch tot, auch wenn theoretisch noch etwas kommen könnte. Die Zeit ist bei anderen Bewerbungen besser investiert.

Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 21.04.2026 von Dr. Jens Aichinger.


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