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Bildungsgutschein und KI-Kurs

Probearbeit und Take-Home: was erwartet wird

· 8 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Person am Schreibtisch vor einem Laptop, konzentrierte Haltung, daneben ein Notizbuch mit handschriftlichen Stichpunkten

Take-Home-Aufgaben und Probearbeitstage sind nach einem KI-Kurs Standardteil des Bewerbungsprozesses. Typisch sind drei bis zehn Stunden Aufwand pro Aufgabe, verteilt auf drei bis sieben Tage. Wer hier strukturiert arbeitet und Zeit im Blick hat, kommt weiter. Wer sich festarbeitet, verliert zwei Wochen pro Absage.

Dieser Beitrag zeigt dir, welche Formate in der Praxis vorkommen, wie du sie seriös abarbeitest und woran du erkennst, dass ein Unternehmen die Grenze zur unbezahlten Arbeit überschreitet.

Was ist eine Take-Home-Aufgabe konkret?

Eine Take-Home-Aufgabe bekommst du nach dem ersten oder zweiten Gesprächstermin. Der Arbeitgeber schickt dir per E-Mail eine Aufgabenstellung, du bearbeitest sie zu Hause, reichst die Lösung zum vereinbarten Termin ein. Typisch für Rollen rund um Digitalisierung, Prozessautomatisierung und KI sind vier Formate.

Der Mini-Workflow. Du bekommst eine Prozessbeschreibung, zum Beispiel “Rechnungseingang in einer Handwerksfirma”. Deine Aufgabe: Schlag einen Automatisierungsansatz vor, skizziere die Tools, beschreibe die wichtigsten Schritte. Abgabe oft als einseitige Skizze plus dreiseitige Erläuterung.

Das Prompt-Engineering-Assignment. Du sollst einen Chatbot-Prompt oder eine Prompt-Kette für ein konkretes Problem schreiben. Beispiel: Ein Support-Bot, der drei Arten von Kundenanfragen unterscheidet und passend reagiert. Die Abgabe enthält die Prompts, Testergebnisse und eine kurze Begründung.

Die Datenanalyse-Aufgabe. Du bekommst einen CSV-Datensatz und drei Fragen. Die Fragen sind weniger technisch als ausgedrückt, sie sind Geschäftsfragen: “Welche Kunden lohnen sich, und warum?” Du lieferst Tabelle, Grafik, Interpretation. Python oder Excel reicht beides.

Das konzeptionelle Papier. Manchmal steht am Anfang kein konkretes Problem, sondern eine weite Frage wie “Wo siehst du in unserem Bereich KI-Potenzial?” Hier ist die Kunst, nicht generisch zu antworten. Du recherchierst das Unternehmen, nimmst zwei bis drei Geschäftsbereiche, schlägst konkrete Use Cases vor, zeigst erste Schritte auf.

Wie viel Zeit solltest du investieren?

Die Ausschreibung sagt dir meistens ein Zeitbudget, etwa “ca. 4 bis 6 Stunden”. Halte dich daran, auch wenn du schneller oder langsamer bist. Unternehmen bewerten nicht nur das Ergebnis, sondern auch wie du mit begrenzter Zeit umgehst.

Realistische Maximalwerte.

AufgabentypSeriöser ZeitrahmenWarnsignal ab
Mini-Workflow3 bis 5 Stundenmehr als 8 Stunden
Prompt-Engineering2 bis 4 Stundenmehr als 6 Stunden
Datenanalyse4 bis 8 Stundenmehr als 12 Stunden
Konzeptionelles Papier4 bis 6 Stundenmehr als 10 Stunden
Vollwertiger “Prototyp”verdächtig, siehe untenimmer

Wer zwanzig Stunden in eine Take-Home investiert, übererfüllt. Das wirkt nach außen nicht engagiert, sondern unsicher. Personaler sehen schnell, ob eine Abgabe innerhalb des gesetzten Rahmens entstanden ist.

Eine einfache Struktur, die in der Praxis funktioniert: Eine Stunde lesen und verstehen. Eine Stunde konzipieren und skizzieren. Zwei bis drei Stunden umsetzen. Eine halbe Stunde aufräumen, dokumentieren, Rechtschreibung. Schluss. Keine Nachbesserungsrunden in der Nacht vor Abgabe.

Worauf achtest du beim Lesen der Aufgabe?

Bevor du anfängst, liest du die Aufgabenstellung zweimal und stellst drei Fragen.

Erstens: Was genau wollen sie sehen am Ende? Ein PDF? Ein GitHub-Repo? Eine Präsentation? Wenn das unklar ist, frag kurz per E-Mail nach. Eine präzise Rückfrage wirkt souveräner als eine falsch formatierte Abgabe.

Zweitens: Gibt es einen fachlichen Schwerpunkt, den sie prüfen wollen? Ein Workflow-Assignment testet Prozessdenken, eine Datenaufgabe testet Interpretation, eine Konzept-Aufgabe testet Businessverständnis. Mal nicht das gesamte Kurs-Wissen zeigen, sondern den Schwerpunkt treffen.

Drittens: Gibt es Hinweise auf das Wertesystem des Unternehmens? “Wir legen Wert auf saubere Dokumentation” oder “Ergebnisse müssen auch von Nicht-Technikern verstanden werden”. Solche Sätze sind nicht höflich gemeint, sie sind Teil der Bewertung. Wer sie ignoriert, verliert Punkte.

Welche Probearbeitstage gibt es und wie laufen sie?

Anders als die Take-Home findet die Probearbeit vor Ort oder in einer Video-Session statt. Dauer meist einen halben bis einen ganzen Tag. Drei Varianten sind verbreitet.

Der Fall-Workshop. Du sitzt mit zwei oder drei Mitarbeitern zusammen und arbeitest einen echten oder erfundenen Fall ab. Rolle klar: Du führst, sie hören zu und fragen. Kein Trick, es geht darum zu sehen wie du vorgehst, welche Rückfragen du stellst, wie du Unsicherheit kommunizierst.

Die Tech-Challenge. Du bekommst einen Rechner, eine Aufgabe und drei bis sechs Stunden Zeit. Typisch für Rollen mit stärkerem technischen Anteil. Anforderungen variieren stark, oft in Richtung Prompt-Engineering, n8n-Workflow, kleiner Python-Code.

Der Tag im Team. Du begleitest einen Mitarbeiter oder ein Team einen Arbeitstag lang. Weniger bewertend, eher gegenseitiges Kennenlernen. Bei kleinen Firmen häufig. Nimmt nicht weniger ernst als die anderen Formate, nur weniger formal.

Welche Jobtitel nach einem KI-Kurs realistisch sind und welche Aufgaben sie umfassen, steht im Beitrag zu den Jobtiteln nach dem KI-Kurs.

Wann kippt eine Take-Home zur Ausbeutung?

Hier liegt die wichtigste rote Flagge. Manche Unternehmen nutzen Take-Home-Aufgaben systematisch, um unbezahlte Zuarbeit zu bekommen. Erkennbar an drei Mustern.

Der getarnte Auftrag. Die Aufgabe ist so spezifisch auf ein echtes Problem des Unternehmens zugeschnitten, dass die Abgabe direkt produktiv einsetzbar wäre. “Baue uns einen Chatbot für unseren Kundensupport, der die häufigsten 30 Fragen beantwortet.” Das ist kein Test, das ist ein Projekt. Seriöse Firmen nutzen synthetische Fälle oder gehen so weit, dass du eine Skizze zeigst, nicht eine fertige Lösung.

Der Mehrstufen-Marathon. Take-Home eins mit acht Stunden, danach Take-Home zwei mit weiteren sechs Stunden, danach ein ganzer Probearbeitstag. Und das alles unbezahlt. Ein bis zwei Runden Take-Home sind normal. Drei oder mehr sind ein Warnsignal, besonders wenn keine klare Entscheidungsbasis nach jeder Runde kommuniziert wird.

Die ausgelagerte Projektplanung. “Erarbeite uns einen kompletten Digitalisierungs-Fahrplan für unser Logistik-Team.” Das ist Consulting-Arbeit. Kein Kandidat in einer Take-Home liefert das kostenlos. Wenn so etwas gefordert wird, frag höflich nach Vergütung. Die Antwort darauf zeigt dir, ob das Unternehmen seriös ist.

In meiner Beratungspraxis sehe ich regelmäßig, dass Teilnehmer solche Signale übersehen, weil sie dringend einen Job brauchen. Das ist nachvollziehbar, aber es bringt nichts. Ein Arbeitgeber, der den Bewerbungsprozess bereits als kostenloses Consulting nutzt, wird auch als Arbeitgeber nicht besser. Absage oder Rückfrage sind dann die ehrlicheren Optionen.

Wie reagierst du auf rote Flaggen seriös?

Mit einer höflichen Rückfrage, nicht mit einer Vorwurfshaltung. Beispielformulierung.

Vielen Dank für die Aufgabenstellung. Ich sehe, dass Sie einen sehr detaillierten Vorschlag für ein konkretes Projekt erwarten. Bevor ich in die Bearbeitung einsteige: Ist der Zeitaufwand von etwa zwanzig Stunden so beabsichtigt, oder sollte ich die Aufgabe in einer kompakteren Form bearbeiten? Ich habe verstanden, dass der Kern des Tests das Herangehen ist, nicht die fertige Lösung.

Antwortet das Unternehmen sauber mit einem realistischen Zeitrahmen, passt. Windet es sich um die Frage oder wiederholt es nur die ursprüngliche Erwartung, ist das Information.

Wie präsentierst du die Abgabe?

Schlicht, klar, geordnet. Drei Dateien im Maximum: eine Hauptdatei (PDF oder Präsentation), ein Anhang (Code, Rohdaten, Skizzen) und eine kurze Readme mit Annahmen und offenen Fragen.

Die Readme ist unterschätzt. Darin stehen vier Punkte.

  • Welche Annahmen hast du getroffen, die in der Aufgabenstellung nicht standen?
  • Was hast du bewusst weggelassen, weil es den Zeitrahmen gesprengt hätte?
  • Was würdest du in einer zweiten Runde ergänzen?
  • Welche Rückfragen wären hilfreich gewesen?

Diese vier Punkte signalisieren Selbstreflexion und Prozessdenken. Viele Kandidaten überspringen sie, die Abgabe wirkt dann glatt aber steril.

Wenn du die Take-Home als Teil deines Portfolios nutzen willst, frag vorher um Erlaubnis. Unternehmen reagieren meistens kulant, wenn du erklärst, dass du das anonymisierte Konzept auch als Arbeitsprobe zeigen willst. Wie du solche Projekte dokumentierst, steht im Beitrag zu den ersten Projekten.

Wie bereitest du dich auf Probearbeitstage vor?

Am Tag vorher liest du die wichtigsten drei Seiten der Unternehmens-Website durch, recherchierst den oder die Gesprächspartner kurz auf LinkedIn und legst dir sieben bis zehn Fragen bereit, die du im Laufe des Tages verteilst.

Am Tag selbst ist die größte Gefahr, zu leise zu sein. Wer einen halben Tag lang nur zuhört, wirkt passiv. Zeig dein Denken laut. Sag, wenn du etwas nicht weißt. Frag, wenn eine Anforderung unklar ist. Kein Vorspielen von Expertise, aber auch kein Verstecken.

Bei Tech-lastigen Rollen kann die Challenge live Coding beinhalten. Laut denken während des Codens hilft. Testfälle vor der Implementierung schreiben. Am Anfang einmal die Lösungsstrategie in drei Sätzen zusammenfassen. Die Bundesagentur liefert über den BERUFENET{target=“_blank” rel=“noopener”} Tätigkeitsprofile, die bei der Rollen-Vorbereitung helfen.

Häufige Fragen

Was mache ich, wenn die Aufgabe außerhalb meiner Kurskenntnisse liegt? Absage nur, wenn sie wirklich weit daneben ist. Leichte Überforderung gehört zum Bewerbungsprozess. Recherchiere zwei bis drei Stunden, um einen Grundriss zu bekommen, und sei in der Abgabe transparent zu den Grenzen deines Wissens. Wer "Das habe ich so noch nicht gemacht, mein Ansatz wäre..." schreibt, wirkt oft glaubwürdiger als jemand, der Expertise vortäuscht.
Darf ich ChatGPT oder Claude bei der Take-Home nutzen? Üblicherweise ja, besonders bei KI-bezogenen Aufgaben. Manche Firmen stellen explizit die Frage, wie du mit KI-Tools gearbeitet hast. Sei ehrlich. Wer eine Prompt-Engineering-Aufgabe ohne KI-Tools bearbeitet, wirkt nicht ehrlicher, sondern weltfremd. Wichtig ist zu zeigen, wo du die Ergebnisse überprüft oder angepasst hast.
Wie gehe ich vor, wenn ich die Abgabe nicht rechtzeitig schaffe? So früh wie möglich kurz melden, Grund nennen, neuen Termin vorschlagen. Nicht in der letzten Stunde vor Abgabe, sondern spätestens 48 Stunden vorher. Die meisten Firmen sind flexibel, wenn die Kommunikation früh kommt. Wer am Stichtag verschwindet und sich erst drei Tage später meldet, ist raus.
Soll ich für eine Probearbeit Bezahlung verlangen? Bei einem ganztägigen Probearbeiten, bei dem du produktiv arbeitest, ist eine Aufwandsentschädigung nicht unüblich. Bei vielen Startups und Mittelständlern wird sie angeboten, ohne dass du fragst. Wenn nicht, kannst du höflich nachfragen. Eine Take-Home von wenigen Stunden ist dagegen Standard unbezahlt.
Was mache ich, wenn ich nach der Take-Home keine Rückmeldung bekomme? Nach zehn bis vierzehn Tagen einmal freundlich nachhaken. Wenn danach zwei Wochen keine Antwort kommt, ist der Prozess erfahrungsgemäß tot. Das ist ärgerlich, aber ein Signal zum Unternehmen: So wird nach deiner Einstellung wahrscheinlich auch kommuniziert.

Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 22. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.


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