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Bildungsgutschein und KI-Kurs

Übungen zusätzlich machen: wann das sinnvoll ist

· 7 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Arbeitsplatz mit Laptop, offenem Übungsbuch und handschriftlichen Notizen, warme Tischlampe im Hintergrund

Zusätzliche Übungen neben dem KI-Kurs sind sinnvoll, wenn sie gezielt eine Lücke schließen. Sie sind schädlich, wenn sie nur aus dem Gefühl “ich müsste mehr tun” entstehen. In meinen Kursen sehe ich beide Fälle, ungefähr im Verhältnis 40 zu 60 zugunsten der schädlichen Variante.

Dieser Beitrag hilft dir zu unterscheiden, wann zusätzliche Übung dich weiterbringt und wann sie dich nur erschöpft. Du bekommst einen Kriterienkatalog, Zeitbudget-Hinweise und konkrete Übungstypen, die sich bewährt haben.

Wann sind zusätzliche Übungen sinnvoll?

Drei Kriterien müssen zusammenkommen, damit Extra-Übung wirklich nutzt.

Du hast eine konkrete Lücke identifiziert. Nicht “ich fühle mich unsicher bei Python”, sondern “ich kann Dictionaries und Listen nicht sauber unterscheiden”. Je präziser du benennen kannst, was fehlt, desto effektiver wird die Übung. Unpräzise Lückenbeschreibung führt zu unspezifischem Üben, das am echten Problem vorbeigeht.

Du hast Energie übrig. Wer den regulären Kurstag bereits erschöpft beendet, gewinnt durch weitere Übung nicht dazu. Müde Gehirne bilden keine stabilen Gedächtnisspuren. Wer abends mit letzter Kraft noch zwei Stunden paukt, behält davon am nächsten Morgen vielleicht 15 Prozent. Dieselbe Zeit am Wochenende, ausgeschlafen, bringt 60 Prozent.

Der Kursstoff ist nicht akut gefährdet. Solange du im laufenden Kursteil mithältst, kannst du Extra-Übung machen. Wenn du schon im Kurs hinterherhinkst, ist Extra-Übung die falsche Reaktion. Dann ist Kursstoff-Aufholen erste Priorität, nicht Vertiefung eines anderen Themas.

Wenn alle drei Kriterien zutreffen, sind zwei bis vier Stunden Extra-Übung pro Woche ein guter Rahmen. Alles darüber frisst Erholung, alles darunter ist kein messbarer Effekt.

Wann schadet Extra-Übung?

Fünf Muster, in denen Extra-Übung mehr kostet als sie bringt.

Aus Angst gelernt. “Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein, also mache ich mehr.” Lernen aus Angst ist ineffektiv. Die Angst füllt das Arbeitsgedächtnis mit Sorgen statt mit Inhalten. Wer diese Dynamik bei sich erkennt, sollte das Problem nicht mit mehr Übung lösen, sondern das Gespräch mit einem Mentor oder Dozenten suchen.

Zum Ausgleich für mangelnden Schlaf. Wer sechs Stunden pro Nacht schläft und das mit zwei Stunden Extra-Übung ausgleichen will, verschlechtert beides. Der Schlaf fehlt weiter, die Übung bleibt ineffektiv. Mehr dazu im Beitrag Schlaf und Lernen.

Übung in Themen, die im Kurs noch gar nicht behandelt wurden. Wer in Woche zwei schon Themen aus Woche zehn nachliest, baut auf fehlenden Grundlagen auf. Die Vertiefung wirkt oberflächlich und verfestigt sich nicht. Besser: In der Reihenfolge des Kurses üben.

Endlos-Tutorials ohne Anwendung. Youtube-Videos anschauen, Online-Kurse parallel starten, Bücher lesen, ohne irgendetwas davon anzuwenden. Das ist nicht Übung, das ist Konsum. Ein tatsächlich gebauter Workflow ersetzt zehn Stunden passive Video-Aufnahme.

Perfektionismus bei Kurs-Übungen. Die Kurs-Aufgabe eine Stunde lang auf Hochglanz polieren, obwohl sie nach 20 Minuten funktional war. Das ist keine Übung, das ist Überarbeitung. Die Zeit ist an anderen Stellen besser investiert.

Wer das unterschätzt, verliert nach sechs bis acht Wochen Energie und wird frustriert. Siehe dazu den Beitrag Umgang mit Frustration.

Welche Übungstypen funktionieren wirklich?

Fünf Übungsformate haben sich in der Praxis bewährt.

Spaced Repetition für Fakten. Für Begriffe, API-Namen, Datenstrukturen. Eine Karteikarten-App wie Anki oder einfach eine Papierkartei. Täglich 10 bis 15 Minuten, am Anfang häufige Wiederholung, später immer seltener. Das Prinzip ist gut erforscht und wirkt messbar. Eignet sich für alles, was auswendig zu wissen ist.

Re-Implementation in anderer Form. Eine Kurs-Übung noch einmal bauen, aber mit anderer Struktur oder anderem Tool. Statt n8n mit Python, statt Claude mit einer anderen LLM-API. Das zwingt dich, das Konzept zu verstehen statt nur zu kopieren. Typische Zeitinvestition: 30 bis 60 Minuten pro Re-Implementation.

Erklären zwingen. Du erklärst einem Freund, Partner oder einem fiktiven Kollegen laut, wie etwas funktioniert. Wer laut erklärt, merkt, wo das eigene Verständnis löchrig ist. Nicht weil die Zuhörer kritisch fragen, sondern weil das Erklären selbst Lücken sichtbar macht. Rubber-Duck-Debugging aus der Programmierung ist dasselbe Prinzip.

Kleine Zusatzprojekte. Ein Mini-Projekt, das ein Kurs-Konzept in einer neuen Domäne anwendet. Nicht einen ganzen Chatbot, sondern einen einzigen Use Case. Eignet sich auch als Portfolio-Baustein, siehe Portfolio aufbauen neben dem Kurs.

Kommentieren fremden Codes oder fremder Prompts. Ein fremdes Projekt auf GitHub oder einen fremden Prompt in einer Community analysieren und kommentieren. “Warum ist diese Zeile da? Was passiert, wenn sie fehlt?” Das schärft das Verstehen deutlich, wenn du die ersten Reflexe hinter dir hast.

Was überhaupt nicht funktioniert

Drei Übungstypen, die oft gemacht werden, aber kaum Effekt haben.

Passive Video-Kurse parallel zum aktiven Kurs. Zwei Kurse gleichzeitig bedeuten in der Praxis: einer wird richtig gemacht, der andere wird überflogen. Wenn du beim zweiten Kurs nicht aktiv übst, ist er verschwendete Zeit.

Bücher komplett lesen. Fachbücher zu KI sind oft 400 Seiten dick. Wer sie durchliest, verbringt 20 Stunden mit passivem Lesen und merkt sich davon rund 10 Prozent. Gezielte Kapitel-Lektüre zu einem konkreten Problem ist viel effizienter.

Cheat-Sheet-Sammlungen. Zwanzig PDFs mit Prompt-Tipps, Workflow-Templates, Python-Syntax. Klingt nach Fleiß, ist aber Sammeln, kein Lernen. Wer 20 Cheat-Sheets herunterlädt und keins davon praktisch nutzt, hat kein Wissen aufgebaut.

Wer trotzdem gerne sammelt, soll es nicht als Übung verbuchen. Sammeln kann zur Orientierung dienen, aber ersetzt keine aktive Arbeit am Material.

Wie strukturierst du Übungszeit?

Eine einfache Wochenstruktur, die in der Praxis funktioniert.

ZeitslotFormatDauer
Dienstag, Donnerstag abends (oder Mittagspause)Spaced Repetition Karteikarten15 Minuten
Samstag vormittagZusatzprojekt oder Re-Implementation2 bis 3 Stunden
Sonntag nachmittagWochenrückblick, Lücken notieren30 bis 45 Minuten

Diese Struktur bringt drei bis vier Stunden Extra-Übung pro Woche, bei voller Erholungsgarantie am Wochenende und ohne Alltagsbelastung werktags.

Entscheidend: Die Zeiten stehen fest im Kalender. Wer darauf wartet, dass “Zeit sich findet”, übt nie. Wer 30 Minuten im Kalender blockt und sich daran hält, übt regelmäßig.

In meinen Kursen sehe ich, dass etwa die Hälfte der Teilnehmer solche Strukturen zu Beginn anlegt, aber nur ein Drittel sie über vier Monate hält. Die Durchhalter sind deutlich häufiger unter denen, die am Ende ein starkes Portfolio haben. Nicht weil sie klüger sind, sondern weil ihre Routine stabil war.

Was ist mit Community-Übungen?

Lerngruppen oder gemeinsame Übungssessions mit Kurs-Kollegen sind ein unterschätzter Hebel. Eine feste Zeit pro Woche, zwei bis drei Personen, ein gemeinsames Projekt oder eine gemeinsame Übung. Der Effekt ist doppelt: Man erklärt sich gegenseitig Konzepte, und man bleibt im Rhythmus, weil Verpflichtung gegen andere stärker wirkt als gegen sich selbst.

Drei Regeln für funktionierende Lerngruppen.

Eine feste Zeit pro Woche, nicht “wenn es gerade passt”. Meistens ein Abend oder ein Wochenendvormittag.

Maximal drei bis vier Personen. Größere Gruppen werden mühsam und produktiv-arm.

Ein klares Ziel pro Treffen. “Wir erarbeiten Modul fünf” oder “wir bauen zusammen einen Workflow”. Kein offenes Gespräch ohne Struktur.

Mehr zur Frage der Lernpartner findest du im Beitrag Die richtigen Lernpartner finden.

Was, wenn der Kurs zu einfach ist?

Manche Kurs-Teilnehmer sind vor allem in der ersten Hälfte unterfordert, weil sie Vorkenntnisse mitbringen. Extra-Übung ist hier nicht nur erlaubt, sondern sinnvoll. Allerdings in eine Richtung, die den Kurs ergänzt, nicht ersetzt.

Dafür gibt es eigene Optionen, siehe den Beitrag wenn der Kurs zu einfach ist. Typische Wege: Parallel ein Zusatzprojekt aus der echten Welt übernehmen, ein fortgeschrittenes Modul aus einer anderen Kursquelle ergänzen, oder ein eigenes Buch zu einem Teilbereich wie Prompt Engineering lesen.

Ressourcen für unabhängige Vertiefung bietet unter anderem die Plattform für berufliche Weiterbildung{target=“_blank” rel=“noopener”} und die Bundesagentur für Arbeit{target=“_blank” rel=“noopener”}, die regelmäßig Studien zu Weiterbildungsbedarf und Kursformaten veröffentlicht.

Wie gehst du mit Informationsüberfluss um?

Das KI-Feld ist unübersichtlich. Jede Woche kommen neue Tools, neue Frameworks, neue Best Practices. Wer versucht, alles mitzubekommen, zerfasert und lernt nichts wirklich.

Eine einfache Regel: Während des Kurses folgst du dem Kurs-Inhalt. Neue externe Themen notierst du, arbeitest sie aber erst nach Kursende auf. Wer in Woche sechs anfängt, einem neuen Framework hinterherzurennen, verliert Fokus.

Zwei bis drei externe Impulse pro Woche sind genug. Ein Newsletter, eine Podcast-Folge, ein längerer Artikel. Alles darüber ist Rauschen.

Häufige Fragen

Wie erkenne ich, ob ich wirklich eine Lücke habe? Versuch, das Thema jemandem in zwei Minuten zu erklären. Wenn du ins Stocken gerätst oder anfängst, ausweichende Formulierungen zu nutzen, ist die Lücke real. Wenn du flüssig erklären kannst, hast du vermutlich keine Lücke, sondern nur Unsicherheit.
Sind bezahlte Zusatzkurse parallel zum BG-Kurs sinnvoll? Meistens nicht. Wer einen 720-UE-Kurs macht, hat kaum Zeit und Energie für einen zweiten. Wenn ein Thema fehlt, sind spezifische Bücher oder einzelne kostenlose Module effizienter als ein paralleler Komplettkurs.
Was mache ich, wenn ich Übungen anfange, aber nicht durchhalte? Dann war die Übung wahrscheinlich nicht aus echtem Bedarf entstanden, sondern aus Druck oder Vergleich mit anderen. Der richtige Schritt: Analysieren, warum du es nicht durchhältst, und die Übung entweder anpassen oder streichen. Abbrechen ist nicht Scheitern, wenn die Übung nicht passt.
Wie viel Zeit ist zu viel pro Woche? Alles über 6 bis 8 Stunden pro Woche neben einem Vollzeit-Kurs ist meist Überlastung. Der zusätzliche Lerneffekt sinkt, das Risiko für Erschöpfung oder Schlafprobleme steigt. Im Zweifel weniger Extra-Übung, mehr Schlaf.
Darf ich mir auch bewusst frei nehmen? Ja, unbedingt. Ein komplett freier Tag pro Woche ohne Kursstoff ist kein Luxus, sondern Bedingung für Durchhalten. Wer vier Monate ohne freie Tage durchzieht, landet häufig in einer Erschöpfung, die länger wirkt als ein freier Sonntag.

Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 22. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.


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